Regisseur Francis Lee über

... die Entstehungsgeschichte des Films

Ich bin selbst in den abgelegenen Pennine Hills im nordenglischen Yorkshire aufgewachsen. Die Erinnerungen an diese Landschaft und ihre Menschen, deren Lebensgrundlage nur ein paar unbeugsame Äcker Land sind, trage ich immer mit mir. In meiner Kindheit war mir noch nicht klar, welche emotionale Sogwirkung dieses Land auf jene Menschen hat, die in und auf ihm leben und arbeiten. Besser verstanden habe ich das erst, als ich Yorkshire verlassen habe, um in London Schauspielerei zu studieren ... Während ich in dieser sehr abgelegenen, ländlichen Region aufgewachsen bin, habe ich mich immer gefragt, was es sonst noch alles auf der Welt für mich geben könnte. Der Ausgangspunkt für diesen Film war im Prinzip das Gegenteil dieser kindlich-jugendlichen Vorstellung: Nun habe ich mich gefragt, was passiert wäre, wenn ich in meiner Heimat geblieben wäre, auf dem Land gearbeitet und dort jemanden getroffen hätte, den ich mag.

 

    Filmstill     Filmstill

 

Im Zentrum von GOD´S OWN COUNTRY steht Johnny, der seine Gefühle zu großen Teilen unterdrücken muss, um das Weiterbestehen der Farm seiner Familie nicht zu gefährden. Seine geordnete Welt gerät aus dem Fugen, als der rumänische Gastarbeiter Gheorghe auf die Farm kommt, um während der Lamm-Saison auszuhelfen. Ich wollte eine innige, aber zugleich schroffe Liebesgeschichte erzählen und die unterschiedlichen Gefühlslagen der Erschütterung und Freude einfangen, die einem neuen Anfang innewohnen. Ich wollte zeigen, wie Johnny und Gheorghe einander langsam verfallen und mit den Unterschieden zwischen einander umgehen. Es ging mir um jene Momente, in denen zwei Menschen anfangen, sich wirklich aufeinander einzulassen, und um die Kämpfe, die damit verbunden sind. Ob schwul, lesbisch oder hetero - wir wissen doch alle, wie es sich anfühlt, wenn man sich verliebt - und wie schwierig es sein kann, vor allem wenn die Umstände ungünstig sind.

Ich wollte zeigen, was eine solche Begegnung für jemanden bedeutet, der in seinem bisherigen Leben nicht nur geographisch und sozial isoliert war, sondern der sich auch emotional weitgehend verschließen musste. Johnny lebt in einer traditionsverbundenen Gemeinschaft von Arbeitern, in der man am Ende eines körperlich anstrengenden Tages vielleicht schlicht keine Ressourcen mehr hat, um herauszufinden, wer man eigentlich ist; in der die Verpflichtungen gegenüber Familie über den individuellen Interessen stehen; in der sich niemand darum schert, mit wem man schläft, solange man am Ende des Tages die Tiere gefüttert und sich um die Äcker gekümmert hat. Ist Johnny in diesem Umfeld in der Lage, sich seinen Gefühlen gegenüber Gheorghe klar zu werden und sich ihnen hinzugeben? Wird Gheorghe die Geduld und die Empathie haben, Johnny auf seiner emotionalen Reise zu unterstützen? Ist für die beiden ein gemeinsames Leben im harschen Umfeld des Farmlebens möglich? Wird Johnny endlich Glück finden? In GOD´S OWN COUNTRY wollte ich all diese Themen erkunden: die erste große Liebe, das Leben in Isolation, die Bedeutung von Familie und Pflichterfüllung, die bindende Kraft der Landschaft und das Gefühl, zu einem ganz bestimmten Ort zu gehören.

 

 

... die Vorbereitungen auf den Dreh und die Arbeit mit den Darstellern

Da der Film komplett in jener Region spielt und auch gedreht wurde, in der ich groß geworden bin und in der meine Familie noch heute lebt und arbeitet, war es für mich extrem wichtig, diese Geschichte so authentisch wie möglich zu erzählen. Deswegen habe ich mit den Schauspielern vor Drehbeginn intensiv geprobt. Es ging mir nicht nur um die psychologische Entwicklung der Figuren, sondern auch um die körperlichen Herausforderungen, denen sie während des Drehs begegnen würden. Beide Hauptdarsteller arbeiteten zur Vorbereitung für mehrere Wochen auf einer Farm mit Bauern aus der Region und waren dabei mit all den Tätigkeiten konfrontiert, die auch das Leben ihrer Figuren im Film ausmachen: die Aufzucht von Lämmern, die medizinische Versorgung der Tiere, das Häuten von Lämmern, das Trockenmauern, das Zaunmachen, die Käseherstellung - all diese Arbeiten mussten beide Darsteller so lange mitmachen, bis sie ihnen ganz natürlich von den Händen gingen. Ich wollte, dass sie sich wie Teile jener Umgebung fühlten, in der ihre Figuren lebten und arbeiteten. Alles, was wir schließlich im Film sehen, wurde auch wirklich von den Darstellern gemacht, es gab für keine Szene Stand- Ins. Vor allem Alec, der Gheorge spielt, ging in der Arbeit mit dem Vieh richtig auf, vor allem was das Zurweltbringen der kleinen Lämmer betrifft. Es war toll zu beobachten, wie er es schaffte, sich die praktische Farmarbeit mit seiner ganz individuellen Sensibilität anzueignen.

Beide Darsteller entwickelten dabei sehr enge Bindungen zu den Bauern, auf deren Höfen sie sich vorbereiteten. Diese Bindungen waren sehr wichtig, weil nur so möglich war, dass Josh und Alec die Lebensbedingungen nicht nur körperlich und praktisch, sondern auch ganz persönlich und emotional verinnerlichten. Zwangsläufig traten im Zuge dieser Schulung auch körperliche Veränderungen auf. So hat Josh einen beachtlichen Teil seines Gewichts während der Drehvorbereitungen verloren. Es war eben wichtig, dass er auch physisch dicht an seine Filmfigur gelangt: einen unterforderten Jungfarmer, der jeden Tag hart in der Kälte, im Regen und Wind arbeitet und jede Kalorien verbrennt, die er zu sich nimmt.

Um den emotionalen Bogen der Geschichte für meine Dar steller möglichst eng zu spannen, haben wir den Film in chronologischer Reihenfolge gedreht, so dass jede Szene die folgende emotional beeinflussen konnte. Diese Art zu drehen war logistisch sicher nicht die einfachste, aber sie hat sich meiner Meinung nach extrem ausgezahlt.

 

 

... die Ausstattung und das stilistische Konzept

Wir haben den Film komplett on location gedreht, was eine große Herausforderung war: In Yorkshire ist die Natur unnachgiebig, man kann am gleichen Tag Schnee, Regen und strahlenden Sonnenschein erleben, hat es mit kaum berechenbaren Tieren und nicht zuletzt mit einer großen emotionalen Schubkraft zu tun, die diese Umgebung entfalten kann. Doch mir war es wichtig, dass der Film so authentisch wie möglich wird.

Dieses Ziel der Authentizität bestimmte auch unser Konzept bei der Setgestaltung und den Kostümen. Alles, was im Film zu sehen ist, musste Teil einer typischen Farm in Yorkshire oder ihrer unmittelbaren Umgebung sein. Einige Ausstattungsstücke kamen direkt von der Farm meines Vaters, die nur 10 Minuten vom Drehset entfernt war. Und auch die Kostüme sollten aus jenen Geschäften stammen, die unsere Figuren theoretisch von der Farm im Film aus hätten erreichen können. Unsere Kostümdesignerin Sian Jenkins kaufte die Hauptkostüme also in der nächst größeren Stadt, Keighley.

Das visuelle Konzept für den Film habe ich zusammen mit meinem Kameramann Joshua James Richards entwickelt. Wir waren uns einig, dass die Kamera direkt neben den Figuren "sitzen" müsste - die Figuren sollten sich nicht vor unserem Blick verbergen können. Die Kameraführung sollte nicht nur den Charakter der Landschaft reflektieren, sondern auch die emotionale Verfasstheit der Figuren. So entwickelten wir einen intensiven, unerbittlichen visuellen Stil. Den Wandel, den Gheorghe auf der Farm auslöst, wollten wir über die Lichtsetzung unterstreichen: Er bringt quasi sein eigenes Licht mit in diese dunkle, gefühlsarme Umgebung - und verändert diese damit nachhaltig.

Von Beginn an war mir zudem klar, dass auch der Ton sehr wichtig für den Film ist. Für mich ist der Ton bei der Filmgestaltung mindestens ebenso wichtig wie das Bild. Es war mir deswegen klar, dass ich bereits während des Schnitts gleichzeitig mit beidem arbeiten wollte. Ich habe einen Soundscape aus natürlichen Geräuschen gebaut - bestehend aus sorgfältig orchestrierten Windgeräuschen, dem Gesang der Vögel, dem Blöken der Schaffen, dem Knistern des Feuers. Die Geräusche sollten die raue und brutale Umgebung untermauern, in der die Figuren leben.